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Atmender Deckel

Über diesen Artikel

Lesezeit

3 Minuten

Veröffentlichung

11.10.2020

Letztes Update

17.08.2022

 

Atmender Deckel – Steuerungsinstrument für den Zubau erneuerbarer Energien

Inhalt des Wiki-Artikel

Mittels eines sogenannten atmenden Deckels wird die Förderhöhe für erneuerbare Energien bestimmt: Der Zubau wird reguliert, indem bei starkem Markwachstum und hohen Zubauzahlen die Vergütungssätze schneller sinken als bei langsamen Marktwachstum und geringen Zubauzahlen. Der atmende Deckel ist ein Instrument des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das im Jahr 2012 für Photovoltaikanlagen eingeführt wurde.1

PV-Deckel und Fördersätze

Über den Photovoltaik-Deckel wird der Zubau von Photovoltaikanlagen gesteuert. Dabei handelt es sich um einen atmenden Deckel, der Einfluss auf die Förderung von PV-Anlagen hat. Befindet sich der Zubau von Photovoltaikanlagen im festgesetzten Zielkorridor, wird die Förderhöhe um 0,5 Prozent pro Monat gekürzt. Liegt der Zubau darüber, wird die Förderung noch mehr reduziert, sie kann monatlich um bis zu 2,8 Prozent sinken. Werden weniger PV-Anlagen zugebaut als in den Zielvorgaben vorgesehen, dann wird die Förderung weniger oder gar nicht gekürzt, gegebenenfalls steigt die Einspeisevergütung sogar.

Zwischen Oktober 2015 und Anfang 2017 waren die Fördersätze in Deutschland stabil, da weniger Photovoltaikanlagen ausgebaut oder neu in Betrieb genommen wurden als geplant. Statt 2500 Megawatt (MW) wurden nur 1500 Megawatt mehr Strom aus Solarenergie pro Jahr erzeugt. Für die Gewinnung von 1500 Megawatt sind rund 50 000 PV-Anlagen verschiedener Größenklassen erforderlich. Mit der Reform des EEG 2017 hat sich der Bezugszeitraum für den atmenden Deckel von einem Jahr auf ein halbes geändert, so dass schneller auf aktuelle Marktentwicklungen reagiert werden kann. Darüber hinaus beinhaltet die Reform, dass die Vergütungssätze schneller ansteigen können, sollten die Zielvorgaben deutlich unterschritten werden. Dieser Fall tritt ein, wenn weniger als 1400 Megawatt pro Jahr durch Photovoltaik hinzugewonnen werden.2

52-GW-Deckel aufgehoben

Als der PV-Deckel im Jahr 2012 eingeführt wurde, war eine Leistungsgrenze von 52  Gigawatt (GW) für Photovoltaik vorgesehen. Für Kleinanlagen sollte die Vergütung nach dem EEG auslaufen, wenn diese Grenze erreicht ist. Ausschreibungspflichtige PV-Anlagen mit mehr als 750 Kilowatt (kW) waren nicht vom Photovoltaik-Deckel betroffen. Zu Beginn des Jahres 2020 wurde angenommen, dass der 52-GW-Deckel bald erreicht sein würde, doch dann hat die Bundesnetzagentur die Zahlen zum aktuellen Stand der PV-Leistung revidiert: Statt den bis dahin angenommen 49 783 Megawatt waren bis zum 31.12.2019 lediglich 49 091 Megawatt PV-Leistung realisiert worden. Als Begründung für die Revision verwies die Bundesnetzagentur auf die Einführung des Marktstammdatenregisters im Januar 2019. Es erfasst im Gegensatz zu den vorher genutzten Registern auch Betreiberwechsel, Umsetzungen und Stilllegungen von Anlagen.3

Seit August 2020 ist der 52-GW-Deckel für PV-Anlagen mit weniger als 750 kW Leistung aufgehoben. Mit dem Gebäudeenergiegesetz hatte der Bundestag die Streichung des PV-Deckels beschlossen. Diese Regelung trat direkt in Kraft, das Gebäudeenergiegesetz ab dem 1. November 2020. Zugesagt hatte die Bundesregierung die Abschaffung des Photovoltaik-Deckels bereits im September 2019, als sie ihr Klimapaket vorstellte. Nach Angaben der Bundesnetzagentur lag die PV-Leistung Mitte 2020 bereits bei rund 51,5 Gigawatt.4

Atmender Deckel bei der Windenergie

Ab Anfang Januar 2016 wurde auch die Vergütung von Windenergie durch einen atmenden Deckel gesteuert. Seit der Einführung wurden die Fördersätze um 6 Prozent gesenkt, da der Netto-Zubau über den Zielvorgaben von bis zu 2600 Megawatt Leistung jährlich lag. Im Jahr 2017 kam es wegen des starken Zubaus zu einer Sonderregelung, von März bis August wurde die Förderung um 1,05 Prozent pro Monat reduziert, ab Oktober wurde wieder das Prinzip des atmenden Deckels angewandt. Daraus resultierte, dass Windenergieanlagen teils nur noch eine Einspeisevergütung von circa 7,5 Cent pro Kilowattstunde erhielten. Inzwischen wird die Förderhöhe für Windenergie nicht mehr durch den atmenden Deckel, sondern über Ausschreibungen festgelegt. Die erste Ausschreibung für Anlagen mit einer installierten Leistung von mehr als 750 Kilowatt fand am 1. Mai 2017 statt.5

Kritik am Prinzip des atmenden Deckels

Mit Hilfe des atmenden Deckels kann die Vergütung für die Einspeisung von Solarstrom flexibel angepasst werden. Die Regelung bringt aber auch Nachteile mit sich. Eine Studie des Teams um Professor Volker Quaschning von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft weist darauf hin, dass der Zubau von größeren PV-Anlagen durch das Prinzip des atmenden Deckels gefährdet sei, diese jedoch zum Erreichen der gesetzten Klimaschutzziele dringend erforderlich seien. Mit der Aufhebung des 52-GW-Deckels wurde zwar eine Hürde abgeschafft, doch die Wissenschaft sieht weiteren Handlungsbedarf.

Durch den atmenden Deckel sinkt die Vergütung für Solarenergie, wenn der PV-Zubau zunimmt. Infolgedessen ist zu erwarten, dass die Einspeisevergütungssätze in Zukunft deutlich reduziert werden. Unterschreitet die Vergütung die Kosten für die Stromproduktion, lassen sich rein netzeinspeisende PV-Anlagen nicht mehr wirtschaftlich betreiben. Das Team von der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft empfiehlt daher, die Absenkung der Einspeisevergütung auszusetzen. Die an den Zubau gekoppelte Absenkung der Vergütung sei nicht mehr zeitgemäß, da der Fachkräftemangel in der Solarbranche in Verbindung mit einem verstärkten PV-Ausbau auf lange Sicht zu steigenden Preisen führen wird. Statt weiter am Prinzip des atmenden Deckels festzuhalten, sollte besser eine Erhöhung der Einspeisevergütung in Betracht gezogen werden, um einen Anreiz für einen schnellen Zubau von Photovoltaikanlagen zu schaffen.6

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