energiekosten-entlastungspaket-detail-header-energiewende-aktuell-net4energy

Das Energiekosten-Entlastungspaket im Detail

Über diesen Artikel

Lesezeit

7 Minuten

Veröffentlichung

21.11.2022

Letztes Update

21.11.2022

Anfang 2022 hat Deutschland noch über 50 % seines Erdgasbedarfs mit Russland gedeckt. Nun droht es zu einem Lieferstopp zu kommen. Aber brauchen wir überhaupt so viel Gas?

Inhalt des Blogartikels

Gas-Importe: Warum brauchen wir eine Alternative zu Russland?

Um die CO₂-Emissionen zu reduzieren, hat die Bundesregierung schon vor etwa 2 Jahrzehnten den Ausstieg aus der Kohleverstromung beschlossen. Die aktuelle Bundesregierung strebt hierfür 2030 als Ziel an.

Ebenfalls ungewünscht ist Strom aus Atomkraft. Kernkraftwerke wurden ab den 1970er Jahren in Deutschland gebaut. Sie sollten dazu dienen, die Abhängigkeit von Erdöl für die Stromerzeugung zu verringern. Aber unter dem Eindruck der Katastrophen im AKW Tschernobyl und später im japanischen Fukushima folgte die Bundesregierung den langjährigen Aktivitäten und Forderungen der Partei DIE GRÜNEN und beschloss auch den Ausstieg aus der Atomkraft. Die letzten 3 AKW sollten Ende 2022 abgeschaltet werden.

Parallel ist vorgesehen, die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien so weit aufzubauen, dass perspektivisch der gesamte Strombedarf Deutschlands durch die Nutzung von Sonne, Wind und Wasserkraft gedeckt wird. Allerdings: Der Abbau der Kohle- und Atomkraftwerke und der Aufbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist ein jahrzehntelanger Prozess. In der Zwischenzeit musste zur Sicherstellung der Stromerzeugung ein anderer Energieträger eingesetzt werden: Erdgas.

Dieser Brennstoff wird nicht nur zur Stromerzeugung benötigt, er spielt auch eine große Rolle für die Gebäudeheizung. Etwa 50 Prozent aller Haushalte heizen heute mit Erdgas. Hinzu kommt die Erzeugung von Prozesswärme für Industrie und Handwerk. Darüber hinaus wird Gas als Grundstoff für die chemische und pharmazeutische Industrie gebraucht.

 

Die aktuelle Situation

Du siehst: Bisher ist Deutschland sehr auf Erdgas angewiesen. Bundesregierung und Gasimporteure mussten in den letzten Monaten jedoch große Anstrengungen unternehmen, um den zeitweisen Ausfall des russischen Gases zumindest teilweise zu kompensieren. Vordringliche Aufgabe war, für die Füllung der Anfang des Jahres nahezu leeren Gasspeicher zu sorgen. Gefüllte Gasspeicher sind die Voraussetzung, dass Deutschland ausreichend Gas für die Wintermonate hat.

Im August 2022, kurz bevor die Lieferung von russischem Gas komplett gestoppt wurde, hat Deutschland Erdgas aus folgende Ländern importiert:

  • Russland: etwa 10 %
  • Niederlande: 38 %
  • Norwegen: 24 %
  • andere Länder: 23 %

Weitere 5 Prozent stammen aus eigener Förderung in Deutschland.

Eine Alternative auf dem Weltmarkt zu finden, ist nicht so einfach: Gasanbieter schließen stets sehr langfristige Lieferverträge mit ihren Kunden. Aus diesem Grund können Liefermengen nicht beliebig gesteigert werden - erst recht nicht kurzfristig. Hinzu kommt, dass auch andere europäische Länder Erdgas von Russland bezogen haben und nun Ersatz benötigen.

Jetzt kommen wir zum springenden Punkt: Wenn steigende Nachfrage auf ein sehr begrenztes Angebot stößt, klettern die Preise in die Höhe. Die Anbieter können sich die Kunden aussuchen: Wer den höchsten Preis bietet, bekommt die Ware. So sind die aktuell außerordentlich hohen Preise bei Erdgas entstanden.

Problemlösungsansätze in Deutschland

Parallel zur Beschaffung von Erdgas auf dem Weltmarkt hat die Bundesregierung alle Verbraucher aufgefordert, sparsam mit Erdgas (und Strom) umzugehen. Daraus resultieren auch gesetzesähnliche Verordnungen, zum Beispiel:

  • Türen von Geschäften dürfen nicht mehr den ganzen Tag offen stehen.
  • Die Bürowärme in öffentlichen Gebäuden wird für die Heizperiode auf 19 °C begrenzt. Nebenräume und Flure sollen nicht mehr beheizt werden.
  • Im Privatbereich dürfen Pools nicht mehr beheizt werden.
  • Die Raumtemperaturen sollen ebenfalls auf 19 °C begrenzt werden.
  • Es wird empfohlen, nur einen Raum zu heizen.

Auch Industrie und Handwerk sind aufgefordert, Erdgas einzusparen. In diesen Bereichen ist in letzter Zeit der Gasverbrauch tatsächlich zurückgegangen. Aber das ist eher eine Folge der exorbitant angestiegenen Gaspreise, die bei den Firmenkunden schon angekommen sind. Unternehmer und Handwerker können sich oft die auf das Zehnfache und mehr gestiegenen Gaspreise nicht leisten.

Einige größere Unternehmen legen Teile ihrer energieintensiven Produktion still. Zum Beispiel hat der Düngemittelhersteller SKW Piesteritz die Produktion des Dieselzusatzes AdBlue eingestellt. Andere Unternehmen wie der Toilettenpapierhersteller Hakle haben bereits Insolvenz angemeldet. Und auch Handwerksbetriebe wie Bäcker und Fleischer mussten schon schließen. Berichte dazu finden sich beinahe jeden Tag in den Medien.

Wie wird dieser Winter in Deutschland?

Aktuell liegen die Gasspeicher bereits bei über 90 % der Kapazität und werden weiter befüllt. Die volle Speichermenge von 24,6 Milliarden Kubikmeter reicht aus, um Deutschland über drei Monate mit Gas zu versorgen. Möglicherweise sogar etwas länger, da der Gasverbrauch, wie oben geschildert, voraussichtlich etwas sinken wird.

Die beschlossenen Maßnahmen zum sparsamen Energieeinsatz werden weiter umgesetzt und jeder ist aufgerufen, auch im privaten Bereich zu sparen. Weite Teile der Bevölkerung werden ohnehin möglichst wenig heizen, weil sie sich tragischerweise die hohen Kosten nicht leisten können. Ansonsten hofft unser Wirtschaftsminister auf einen milden Winter, der die angespannte Energielage etwas entlasten würde.

 

Alternative zu russischem Gas: Was sind die Möglichkeiten?

Zu erwarten ist allerdings, dass nach den Wintermonaten die Gasspeicher leer sein werden. Das bedeutet: Alternativen zu Russland als Gaslieferant müssen her. Folgende Möglichkeiten werden aktuell diskutiert.

Laufzeitverlängerungen für Kern- und Kohlekraftwerke

Von verschiedenen Seiten wird immer wieder die Weiterverwendung von Atomkraft trotz aller Sicherheitsbedenken für die Stromerzeugung ins Spiel gebracht. Die drei verbliebenen Kernkraftwerke in Deutschland sollen allerdings noch dieses Jahr vom Netz gehen. Eine Laufzeitverlängerung ist aus unterschiedlichen Gründen nicht ohne weiteres realisierbar:

  • Es müssten neue Brennelemente beschaffen werden, welche wohl frühestens in einem Jahr zur Verfügung stehen würden.
  • Für die erneute Inbetriebnahme bräuchte es neues, ausgebildetes Personal.
  • Da die letzte Sicherheitsüberprüfung über 10 Jahre zurückliegt, müsste eine neue zwingend durchgeführt werden - eine solche Prüfung kann Jahre dauern.
  • Es ist fraglich, ob die Kraftwerke überhaupt genügend Strom produzieren könnten.

Auch eine Verlängerung der Kohlekraftwerke wird erneut diskutiert. Um weniger Erdgas für die Verstromung zu benötigen, wurden bereits einige Kohlekraftwerke reaktiviert und für deren Betrieb teure Steinkohle auf dem Weltmarkt beschafft. Das ist jedoch nur als zeitweilige Maßnahme gedacht: DIE GRÜNEN wollen nach wie vor an ihrem Ziel des auf 2030 vorgezogenen Kohleausstiegs festhalten. Allerdings muss sich erst zeigen, ob das unter den aktuellen Gegebenheiten umsetzbar ist.

LNG und Wasserstoff

Eine vielversprechende Alternative ist Flüssigerdgas, das per Schiff geliefert wird. Bisher gelangt das Erdgas vor allem über ein Pipelinesystem nach Deutschland. Flüssiggas (LNG) bietet jedoch große Chancen: Es wird gewonnen, indem Erdgas auf ca. minus 160 Grad Celsius gekühlt wird und so das Volumen bedeutend verringert. Das ermöglicht einen einfacheren Transport per Tank und auf dem Schiffsweg und kann so weltweit geliefert werden. So könnte Deutschland neue Partner für den Handel finden. Daher wird aktuell in Deutschland der Bau von Flüssiggas-Terminals vorangetrieben: vier Flüssigerdgas-Terminals sollen entstehen. Als kurzfristige Lösung ist der Einsatz schwimmender Terminals geplant, wie in der Ostsee vor Lubmin.

Im August 2022 besprachen Bundeskanzler Scholz und Wirtschaftsminister Habeck langfristige Vereinbarungen zur Lieferung von LNG und Wasserstoff mit der kanadischen Regierung und unterzeichneten ein Wasserstoffabkommen. Allerdings muss Kanada dazu erst noch die technischen Voraussetzungen schaffen. Grüner Wasserstoff, der langfristig Erdgas als Energieträger ablösen soll, wird voraussichtlich ab 2025 von Kanada nach Deutschland geliefert.

Erneuerbare Energien: Speicherkapazitäten ausbauen

Als langfristige Lösung der Energieprobleme gilt es, den Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Dabei geht es nicht nur um die Errichtung weiterer Windkraft- und Solarparks: Gleichzeitig sollen Stromtrassen gebaut werden, die den im Norden Deutschlands reichlich erzeugten Windstrom nach Bayern und Baden-Württemberg transportieren können. In dieser Frage gibt es allerdings noch Klärungsbedarf mit den Bundesländern.

Mit erneuerbaren Energien sind weitere Herausforderungen verbunden: Systembedingt produzieren Wind und Sonne den Strom sehr unstetig. Bei Windstille und Dunkelheit können die Anlagen keinen Strom erzeugen. Auf der anderen Seite geben sie bei starker Sonneneinstrahlung und kräftigem Wind sehr viel Strom an das Netz ab, der nicht in jedem Fall verbraucht werden kann. Beides destabilisiert das Stromnetz.

Die Lösung: Stromspeichersystemen. Diese nehmen überzähligen Strom auf und geben ihn wieder ab, wenn zu wenig produziert wird. Leider ist die aktuell in Deutschland zur Verfügung stehende Stromspeicherkapazität sehr gering. Sie reicht gerade mal aus, Deutschland im Ernstfall für eine halbe bis eine Stunde mit Strom zu versorgen. Diese Speicherkapazität muss daher dringend stark ausgebaut werden, wenn die Energiewende gelingen soll.

 

Nachhaltige Alternativen zur Gasheizung

Fast die Hälfte der Wohnungen in Deutschland nutzen aktuell noch Erdgas und somit fossile Energieträger für die Energieerzeugung. Etwa ein Viertel heizen mit Öl. Damit die Energiewende gelingt und wir Unabhängigkeit und fossilen Brennstoffen erlangen, muss besonders bei der Heizung eine Alternative zu Gas her. Welche das sind, erfährst du im Folgenden.

Wärmepumpe

Eine Wärmepumpe nutzt Umweltwärme (Umgebungsluft, Erdboden, Grundwasser) als Wärmequelle und ist damit unabhängig von fossilen Brennstoffen. Sie benötigt allerdings Strom. Der Strombedarf ist jedoch wesentlich geringer als bei einer Elektroheizung. Wenn du die Wärmepumpe mit einer Photovoltaikanlage kombinierst, kannst du 100 Prozent grüne Wärme produzieren und machst dich komplett von den öffentlichen Energieversorgern in puncto Heizung unabhängig.

Kosten: Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe kostet inklusive Einbau zwischen 12.000 und 16.000 Euro.

Solarthermie

Die Sonnenkollektoren einer Solarthermie-Anlage werden auf dem Dach montiert und sammeln dort die Sonnenwärme. Über einen Rohrkreislauf wird die erhitzte Solarflüssigkeit zum Pufferspeicher der Heizung transportiert. Dort gibt sie kontinuierlich die Wärme an das Heizungswasser ab. Ein Pufferspeicher ist notwendig, weil die Solarthermie nur tagsüber, wenn die Sonne scheint, Wärme aufnehmen kann. Im Pufferspeicher bleibt die Wärme einige Zeit erhalten und kann nachts Heizung und warmes Wasser gewährleisten.

Kosten: Eine Solarthermie-Anlage zur Heizung für einen Vier-Personen-Haushalt kostet mit Speicher an die 10.000 EUR.

Holz- bzw. Pelletheizung

Bis vor Kurzem galten auch Holzheizungen als umweltfreundliche Variante. Holz gibt beim Verbrennen nur so viel CO₂ ab, wie der ursprüngliche Baum während seines Lebens aufgenommen hat. Je nach Heizkessel oder Ofen wird das Holz in Form von Scheiten, Pellets oder Hackschnitzeln verfeuert. Pelletkessel werden zwar aktuell in Deutschland noch gefördert - ausgehend von Bestrebungen bei der EU gibt es jedoch derzeit eine durch das Bundesumweltministerium angestoßene Diskussion, die langfristig zu einem Verbot von Holzheizungen führen könnte.

Kosten: Eine komplette Pelletheizung mit Kessel, Pelletslager, Förderanlage und Warmwasserbereitung kostet für ein Einfamilienhaus zwischen 15.000 und 25.000 EUR.

Elektroheizung & Infrarotheizung

Elektroheizungen sind als Alternative zu Gas nicht zu empfehlen, da sie in jeder Ausführung sehr viel Strom benötigen - das gilt auch für Infrarotheizungen. Das läuft den gesellschaftlichen Bestrebungen zur Senkung des Energieverbrauchs zuwider.

Hybridheizung

Hybridheizungen kombinieren einen klassischen fossilen Heizkessel mit einer Wärmepumpe oder Solarthermie und sind somit als Zwischenschritt auf dem Weg zur persönlichen Unabhängigkeit geeignet. Dafür benötigst du nur noch einen kleineren Heizkessel und kannst den Verbrauch fossiler Brennstoffe so bedeutend verringern. Zudem stehst du auf diese Weise bei einem Ausfall eines der Heizsysteme nicht gleich ohne Heizung da.

 

Fazit

Um die Energieversorgung in Deutschland langfristig zu sichern und Unabhängigkeit von Russland zu erhalten, werden parallel unterschiedliche Lösungsansätze verfolgt. Beispielsweise wird die LNG-Infrastruktur ausgebaut, um neue, internationale Partnerschaften zu schließen und Flüssiggas sowie grünen Wasserstoff nach Deutschland zu transportieren. Weiterhin muss der Ausbau erneuerbarer Energien vorangetrieben werden. Als Zwischenlösung wird aktuell eine Verlängerung der Atomkraftwerke und eine längere Nutzung der Kohlekraftwerke erwogen.

Im Privatbereich kannst du dich mit mittels Wärmepumpe oder Solarthermie von fossilen Brennstoffen und der CO₂-Erzeugung befreien. Um mehr Unabhängigkeit zu erlangen und grüne Wärme zu produzieren, bietet sich also ein Umstieg durchaus an.